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Navid Kermani
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Navid Kermani (persisch ÙÙÛŰŻ ک۱Ù
ۧÙÛ, * 27. November 1967 in Siegen) ist ein deutscher Schriftsteller, Reporter, Essayist, Publizist und habilitierter Orientalist. Er gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland.cite-ref-1[1] Sein literarisches Schaffen widmet sich vor allem menschlichen Grenzerfahrungen angesichts des Todes, dem Alltag, den Religionen, Erfahrungen mit der Musik oder der SexualitĂ€t. Sein wissenschaftliches Werk setzt sich insbesondere mit dem Koran und der islamischen Mystik auseinander. 2015 erhielt Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.cite-ref-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-de-2-0[2]
Contents
âą Werkrezeption
âą Positionen
âą Irakkrieg (2003)
âą Monographien
âą Korrespondenzen
âą HörbĂŒcher
âą Literatur
âą Weblinks
âą Reden
âą Audios
âą Einzelnachweise
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Familie und Privates
Kermani wurde als vierter Sohn iranischer Eltern geboren, die im Jahr 1959 in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert waren. Sein Vater war Arzt und arbeitete im katholischen St.-Marien-Krankenhaus Siegen.cite-ref-3[3] Kermanis drei Ă€ltere BrĂŒder sind ebenfalls praktizierende Ărzte.cite-ref-4[4] Navid Kermani hat die deutsche und die iranische StaatsbĂŒrgerschaft. Er wuchs in der vom Protestantismus geprĂ€gten Stadt Siegen auf und besuchte dort das FĂŒrst-Johann-Moritz-Gymnasium und das Gymnasium am Rosterberg (heutiges Peter-Paul-Rubens-Gymnasium).cite-ref-5[5] Nach dem Abitur hospitierte er bei Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr in MĂŒlheim, bevor er 1988 zum Studium nach Köln zog.
Bis 2020 war er mit der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur verheiratet;cite-ref-6[6] sie sind Eltern von zwei Töchtern.cite-ref-7[7] Seit 1971 ist er Fan des 1. FC Köln.cite-ref-8[8]
Wissenschaftlicher Werdegang
Kermani studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. In den Semesterferien arbeitete er als Regieassistent und spĂ€ter als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt und am Theater an der Ruhr. Seine Magisterarbeit schrieb Kermani 1993 an der UniversitĂ€t Bonn (Betreuer: Stefan Wild und Monika Gronke) ĂŒber den verfolgten Ă€gyptischen Koranwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid, den er spĂ€ter auch in Kairo traf und der zu einer prĂ€genden Figur fĂŒr Kermanis religiöses Denken wurde.cite-ref-9[9] UnterstĂŒtzt von der Studienstiftung des deutschen Volkes verfasste er eine Dissertation mit dem Titel Gott ist schön.cite-ref-10[10] Damit wurde er 1998 im Fach Orientalistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t in Bonn unter der Betreuung des Arabisten Stefan Wild und der Iranistin Monika Gronke promoviert; 2006 habilitierte er sich im Fach Orientalistik mit der Schrift Der Schrecken Gottes â Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. Von 2000 bis 2003 war Kermani Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und leitete in dieser Zeit den Arbeitskreis Moderne und Islam. Initiiert wurden mehrere internationale Forschungsvorhaben, darunter das Projekt JĂŒdische und islamische Hermeneutik als Kulturkritik. Daraus erwuchs der Vorschlag fĂŒr eine JĂŒdisch-Islamische Akademie in Berlin.cite-ref-11[11]cite-ref-12[12]cite-ref-13[13] Mit dem Buch der von Neil Young Getöteten trat Kermani 2002 erstmals als Schriftsteller in Erscheinung. 2003 verlieĂ Kermani das Wissenschaftskolleg, um nach Köln zurĂŒckzukehren, wo er seither als freier Schriftsteller im Eigelsteinviertel unweit des Ebertplatzes lebt.cite-ref-14[14]
Auf Kermanis Idee aus dem Jahre 2007 â zusammen mit dem Intendanten des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, Bernd M. Scherer â geht die am 27. Oktober 2012 in Köln eröffnete Akademie der KĂŒnste der Welt zurĂŒck.cite-ref-15[15]
Publizistischer Werdegang
Bereits als SchĂŒler im Alter von fĂŒnfzehn Jahren arbeitete Kermani als freier Mitarbeiter fĂŒr die Lokalredaktion der WestfĂ€lischen Rundschau.cite-ref-16[16] WĂ€hrend seines Hochschulstudiums schrieb er fĂŒr ĂŒberregionale deutsche Zeitungen und war von 1996 bis 2000 fester Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Kermani ist seit 2006 mit dem Schriftsteller Guy Helminger Gastgeber des Literarischen Salons im Kölner Stadtgarten.cite-ref-17[17] Das Jahr 2008 verbrachte er an der Villa Massimo in Rom.cite-ref-18[18] Seit 2012 leitet er mit dem Dramaturgen Carl Hegemann das âHerzzentrumâ am Hamburger Thalia Theater.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]
In den Themen seiner literarischen Arbeit kreist Kermani um menschliche Grenzerfahrungen angesichts des Todes, im Alltag, der Erfahrung der Musik oder der SexualitĂ€t. Seine Romane und ProsabĂŒcher bewegen sich an der Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion. Kermanis wissenschaftliche Schwerpunkte liegen in der Ăsthetik des Korans und der islamischen Mystik.cite-ref-21[21] Kermani ist auch als Reporter aus den Krisengebieten der Welt bekannt geworden. Im September 2014 berichtete er fĂŒr das Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus dem Irak;cite-ref-22[22]cite-ref-23[23]cite-ref-24[24]cite-ref-25[25] im Oktober 2015 reiste er den FlĂŒchtlingen auf deren Route in umgekehrter Richtung von Budapest in die TĂŒrkei entgegen.cite-ref-26[26] Viele seiner Reportagen, die er vor allem fĂŒr die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die Wochenzeitung DIE ZEIT geschrieben hat, erschienen in erweiterten Fassungen auch als BĂŒcher und wurden Bestseller. Mit dem von seinem Vater Djavad Kermani gegrĂŒndeten Hilfswerk Avicenna hat Kermani nach der RĂŒckkehr von Reportagenreisen Spendenaktionen fĂŒr Hilfsprojekte in Aceh (Indonesien), auf Lesbos, in Madagaskar und in Tigray initiiert.cite-ref-27[27]cite-ref-28[28] Kermanis BĂŒcher sind in zahlreiche Sprachen ĂŒbersetzt. In seinen öffentlichen Stellungnahmen und Reden nimmt Kermani immer wieder Stellung zu Fragen der Gesellschaft, Politik, Religion. Jan Werner MĂŒller bezeichnete ihn in der New York Review of Books als eine der anregendsten intellektuellen Stimmen Deutschlands.cite-ref-29[29]
Von 2009 bis 2012 war Kermani Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI).cite-ref-30[30] 2009 wurde Navid Kermani auĂerdem zum Korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg ernannt. Im Sommersemester 2010 war Kermani Gastdozent fĂŒr Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt am Main und hielt damit die Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die spĂ€ter als Buch unter dem Titel Ăber den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe erschienen sind.cite-ref-31[31] Im Wintersemester 2011/12 hielt er die Göttinger Poetikvorlesungen,cite-ref-32[32] 2014 die Mainzer Poetikvorlesungen.cite-ref-33[33] Im Sommersemester 2013 war er Gastprofessor fĂŒr Ideengeschichte des Islam an der Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt. Im FrĂŒhjahr 2014 lehrte er als Max Kade Visiting Professor deutsche Literatur am Dartmouth College in den Vereinigten Staaten.cite-ref-34[34] Von 2017 bis 2020 lehrte Kermani als Gastprofessor Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule fĂŒr Medien in Köln.cite-ref-35[35] Zum 1. Januar 2022 wurde Kermani als exklusiver Autor der Wochenzeitung Die Zeit verpflichtet.cite-ref-36[36]cite-ref-37[37] Am 22. Oktober 2023 las Kermani in der Berliner Philharmonie bei einem Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Robin Ticciati Texte zu Beethovens Neunter Symphonie.cite-ref-38[38]
Kandidaturen zur Wahl des deutschen BundesprÀsidenten
Bei der Wahl des deutschen BundesprĂ€sidenten 2010 gehörte Kermani auf Vorschlag der hessischen GrĂŒnen der 14. Bundesversammlung an.
FĂŒr die Wahl des deutschen BundesprĂ€sidenten 2017 wurde Kermani als möglicher Kandidat ins GesprĂ€ch gebracht.cite-ref-39[39]cite-ref-40[40] Der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wollte ihn nach einem Bericht des Spiegel gemeinsam mit anderen Parteien als BundesprĂ€sident nominieren, doch scheiterte er am Widerstand der GrĂŒnen; vor allem von den Realos wurde Kermani abgelehnt, weil sie nach der Bundestagswahl ein schwarz-grĂŒnes BĂŒndnis anstrebten und somit kein Signal in Richtung Rot-Rot-GrĂŒn senden wollten. Kermani selbst hat sich zu einer möglichen Kandidatur nie geĂ€uĂert.cite-ref-41[41]
Ehrenamtliches Engagement
1994 grĂŒndete Kermani in Isfahan, der Heimatstadt seiner Eltern, ein Sprach- und Kulturzentrum und leitete es bis 1997. In diesem Jahr musste es aufgrund der Verschlechterung im deutsch-iranischen VerhĂ€ltnis schlieĂen.cite-ref-42[42]cite-ref-43[43] Im Herbst 2014 hat Kermani die Schirmherrschaft Willkommen fĂŒr FlĂŒchtlinge ĂŒber die Projekte Ehrenamt und FlĂŒchtlinge der Kölner Freiwilligenagentur ĂŒbernommen, die zusammen mit dem Kölner FlĂŒchtlingsrat angeboten werden.cite-ref-44[44]cite-ref-45[45]
Ăbersicht des religionswissenschaftlichen Werks und Charakterisierung durch Klaus von Stosch
Der Bonner komparative Theologe Klaus von Stosch, seit Wintersemester 2021/2022 Inhaber des Lehrstuhls fĂŒr Systematische Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn,cite-ref-46[46] kennt das religionswissenschaftliche Werk Kermanis seit Anbeginncite-ref-47[47] und ordnet es folgendermaĂen ein:
Auch wenn sich Kermani nicht als Theologe versteht, geht er in seinen islam- und religionswissenschaftlichen Texten deutlich ĂŒber eine rein deskriptive Haltung hinaus. Die Texte sind an vielen Stellen ein PlĂ€doyer fĂŒr einen neuen Umgang mit dem Koran und der muslimischen Tradition, aber auch fĂŒr einen umfassenderen Blick auf andere Religionen. Sie betonen den mystischen Erfahrungsbezug der Religionen und nĂ€hern sich diesem gerne auf Ă€sthetischer Ebene. Dabei geht es ihm nicht nur um die fĂŒr die Mystik so bedeutsame Vereinigung des Menschen mit Gott und die damit verbundenen Assoziationen von Liebe und GlĂŒck. Es geht ihm auch um die Herrlichkeit und den Schrecken Gottes, eben um alle Seiten seines unaussprechlichen Geheimnisses. Theologisch gesehen ist Kermani also in einem ganz klassischen Sinne die Einheit Gottes und die Einheit allen Seins wichtig. Alles kommt aus dem Einen und kehrt zu ihm zurĂŒck â wie der Atem des Menschen. Damit muss er aber auch alles mit Gott und seiner Wirklichkeit zusammenbringen und kann die AbgrĂŒnde und Risse der Wirklichkeit nicht von dem Geheimnis Gottes fernhalten. Das Ringen um die aus diesem Ansatz entspringende AmbiguitĂ€t Gottes und der Wirklichkeit prĂ€gt Kermanis Schaffen. Sein PlĂ€doyer gegen jede Reduzierung Gottes auf eine Legitimation fĂŒr politische Strategien oder auf menschliche Wunschvorstellungen prĂ€gt sein theologisches Anliegen.
Kermanis erster islamwissenschaftlicher Text erschien 1996. Es handelt sich um seine Magisterarbeit, in der er erste Grundlagen seines Denkens in Auseinandersetzung mit dem Ă€gyptischen Reformtheologen Nasr Hamid Abu Zaid entwickelt. Eindrucksvoll zeigt er nicht nur den Reformansatz Abu Zaids fĂŒr das Offenbarungsdenken auf, sondern analysiert detailliert, wieso er mit den politischen und religiösen AutoritĂ€ten in Ăgypten in Konflikt gerĂ€t: nicht wegen theologischer Neuerungen, sondern weil er aufdeckt, wie sich diese Eliten der Tradition bemĂ€chtigt haben, um ein Interpretationsmonopol ĂŒber den Koran anzustreben und seine Botschaft entsprechend ihrer Interessen zu manipulieren.
In seiner rezeptionsĂ€sthetisch-philologisch ausgerichteten Dissertation Gott ist schön zeigt Kermani, wie prominent in der islamischen Tradition die Ă€sthetische Dimension des Korans wahrgenommen wird. Der Koran wird in dieser Tradition wie ein betörendes Kunstwerk beschrieben, das die Menschen in seinen Bann zieht. Seine Schönheit nimmt gefangen und erbeutet die Herzen der Menschen. Seiner Anziehungskraft kann man sich nicht widersetzen. Die Schönheit und Klarheit des Korans ist damit Ausweis seiner göttlichen Inspiration. Gott teilt sich dieser Tradition zufolge im Koran also in einer Ă€sthetisch vermittelten Weise mit, weil er von den hier Angesprochenen gerade so verstanden zu werden hofft. Wenn Gott nicht blinden Gehorsam, sondern verstehende Anerkennung will, muss er an dieser Stelle empfĂ€nglichen Menschen auf Ă€sthetische Weise begegnen. Denn â so zumindest die These von Navid Kermani im analysierenden Blick auf die islamische Tradition â das religiöse Erkennen ist im Islam Ă€sthetisch vermittelt als ein Schauder erregendes, GĂ€nsehaut verursachendes Hören einer als schön bezeichneten Rede, ... eine Schönheitserfahrung.
Es geht Kermani also darum, die Kraft der Ăsthetik auf religiöser Ebene zu wĂŒrdigen. Er sieht diese mystische Einsicht ganz im Einklang mit der neueren Ăsthetik seit Hegel. In fast allen philosophischen Kunsttheorien dieser Tradition gehe es im Ă€sthetischen Erleben um Wahrheit. Ja, es mĂŒsse im Ă€sthetischen Erlebnis â gegen Kant â gar nicht um Genuss bzw. um interesseloses Wohlgefallen gehen. Es könne auch einfach nur darum gehen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, koste es, was es wolle.
So spannend und vielversprechend Kermanis Versuch ist, den Offenbarungsglauben in der Aisthesis zu begrĂŒnden und die Erkenntnis Gottes als Herzenswahrnehmung zu verstehen, so sehr fragt sich bei diesem Zugang, wie man bei diesem Konzept mit den sinnlichen Erfahrungen des Schmerzes und der Abwesenheit Gottes in dieser Welt umgehen soll. Die AbgrĂŒnde der Leidensgeschichte dieser Welt lassen gerade bei einem solchen Ă€sthetischen Zugang zum Offenbarungsglauben die Frage dringlich werden, wie Leidens- und Heilserfahrungen, Schrecken und Schönheit Gottes zusammengedacht werden können.
Genau diese Frage ist es, die Kermani in seiner Habilitationsschrift zum Schrecken Gottes beschĂ€ftigt. Kermani rezipiert in diesem Buch die Grundidee der praktisch-authentischen Theodizee, die darin besteht, Gottes Gerechtigkeit gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt einzufordern, also â kantisch gesprochen â die Wirklichkeit Gottes und damit seine authentische Selbstrechtfertigung zu postulieren, ohne sie doktrinal selbst leisten zu wollen. Zu diesem Postulat gehört notwendig der Protest gegen das Leiden, der sich im Hadern mit Gott und in der Anklage Gottes Ă€uĂert. Auch wenn das Hadern mit Gott in der islamischen genauso wie in der christlichen Orthodoxie weitgehend verpönt ist, zeigt sich in der von Kermani zitierten islamischen mystischen Literatur ebenso wie im Buch Ijob ein Weg des Haderns mit Gott, das aus der Hingabe ihm gegenĂŒber gespeist wird und das die hier geforderte postulatorische Gottesrede begleiten kann.
Das bedeutendste Zeugnis dieses Haderns ist fĂŒr Kermani Das Buch der Leiden des persischen mystischen Dichters Attar (1145â1221), das zeigt, dass es auch in der islamischen Tradition möglich war, mit Gott zu rechten und zu streiten. Gott erscheint in der Perspektive der von diesem Dichter zitierten Narren zugleich als Verfolger und Peiniger des Menschen und doch auch als seine letzte Hoffnung. Einerseits bleibt Gott als Urheber fĂŒr diese Welt verantwortlich und ist damit auch der letzte Grund fĂŒr das Leiden â zumindest in dem Sinne, dass seine Erschaffung der Welt Leiden allererst ermöglicht. Andererseits gibt es Situationen, in denen uns keine endliche Macht mehr zu retten und helfen vermag. Denn per definitionem ist nur Gott die Wirklichkeit, die auch im Tod noch zu retten vermag â wenn er denn existiert. Wie kann ich aber gerade den um Hilfe bitten, der doch meine Not allererst ermöglicht hat? Kermani sieht keine Möglichkeit, diesen Ruf noch einmal rational zu rechtfertigen. Er schildert einfach nur Stimmen, die auch im Elend nicht von Gott lassen wollen. Die von ihm zitierten Narren beklagen nicht einfach nur den Schrecken Gottes. Vielmehr erinnern sie Gott an seine einst gegebenen Versprechen in der Schöpfung. Sie bestehen auf der Treue Gottes, die er in seiner Selbstkundgabe beschreibt und verspricht. Sie sind deshalb nicht blind fĂŒr die Wirklichkeit, sondern sehen all die Infragestellungen der Wirklichkeit eines liebenden Gottes, die jeder Mensch tagtĂ€glich erlebt. Ihr Festhalten an Gott stumpft sie nicht ab und nimmt dem Leiden auch nicht seinen Schrecken. Aber es befĂ€higt sie, die AbgrĂŒnde und Schrecken der Wirklichkeit an sich heranzulassen und dennoch nicht ihre Hoffnung aufzugeben. Der Gottesglaube erscheint so als Zumutung, die in den Wahnsinn treiben kann. Aber er erscheint zugleich als letzte Möglichkeit, die Welt in ihrer AmbiguitĂ€t auszuhalten, ohne die eigene Menschlichkeit zu verlieren.
Arbeiten sich Kermanis Qualifikationsschriften an der islamischen Tradition ab, hat er sich seitdem immer wieder auch dem Christentum zugewandt. Besonders prominent und eindrucksvoll ist hier sein UnglĂ€ubiges Staunen. Ăber das Christentum aus dem Jahr 2015, das sich dem Christentum auf Ă€sthetische Weise annĂ€hert â durch eindrucksvolle Bildbetrachtungen verschiedener christlicher KĂŒnstler, insbesondere aus dem italienischen Barock. Diese kunstgeschichtlich gut recherchierten Einzelbetrachtungen eröffnen spannende Perspektiven auf zentrale Charakteristika des Christentums und haben dadurch groĂe Resonanz erfahren.
In einer viel beachteten AnnĂ€herung an das Kreuz findet sich wieder Kermanis charakteristische VerknĂŒpfung von Schönheit und Schrecken Gottes. Angezogen durch die Ă€sthetische Kraft der Kreuzesskulptur Schlammingers, aber auch durch die Schönheit und die Anmut beim Tragen des Kreuzes in Botticellis Darstellungen, bewegt ihn nicht nur die Ă€sthetische Kraft des Kreuzes, sondern er erkennt es auch als AnnĂ€herung des Glaubenden an das Leiden selbst â etwa wenn er die SchĂ€cher am Kreuz mit Kriegsknechten vergleicht, die heute in Syrien oder im Irak Aufwiegler kreuzigen. Oder wenn er das Kreuz mit Opfern der Menschen zu allen Zeiten in Verbindung bringt und die klagende Anklage Jesu am Kreuz zitiert. Dabei ist es ihm allerdings wichtig, Jesus nicht von uns zu trennen, sondern das eigene Leiden in seinem Leiden zu entdecken. Zwei etwas lĂ€ngere Kapitel des Buches fallen ein wenig aus dem sonstigen Duktus heraus, weil sie keine Bildbetrachtung enthalten, sondern Personen in den Vordergrund stellen. Besonders hervor sticht dabei der letzte Teil des zweiten Kapitels, das in anrĂŒhrender Weise die Lebensgeschichte und Mission von Pater Paolo DallâOglio schildert, der fĂŒr Kermani all das bĂŒndelt, was er am Christentum bewundert: eine Form von bedingungsloser Liebe zum NĂ€chsten, die gerade bei Mönchen und Nonnen ĂŒber das MaĂ hinausgehe, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte. Bewegend schildert er die groĂe Liebe zum Islam, die diesen Pater und das von ihm in Syrien gegrĂŒndete Kloster Mar Musa kennzeichnet, das er als Ort des Zusammenlebens der Religionen charakterisiert. Seine Hinwendung zum Islam sei fĂŒr Pater Paolo kein karitativer Akt gewesen, sondern habe zu einer Bereicherung seines eigenen Lebens und Glaubens gefĂŒhrt; er sei ein Mönch, ein SchĂŒler Jesu, der in den Islam verliebt sei â wie Kermani es ausdrĂŒckt.
Offenkundig sieht Kermani hier ein Modell fĂŒr die interreligiöse Begegnung und fĂŒr eine christlich-islamische AnnĂ€herung. Durch die EntfĂŒhrung dieses Paters, der den Islam wie kein anderer liebe, versuche der Islamische Staat Christen geradezu dazu zu zwingen, den Islam als Feind zu fĂŒrchten. Kermani setzt diesem EinschĂŒchterungsversuch die ErklĂ€rung seiner eigenen Liebe fĂŒr das Christentum entgegen, mit der er auf Pater Paolo antwortet und exemplarisch zeigt, wie man mit Mitteln der Liebe auf Gewalt reagieren kann. Zugleich bezeugt er in seinem Buch immer wieder, wie er vom Christentum gelernt hat â etwa im Blick auf das Eingedenken des Leidens und Sterbens des anderen. Dieser Aspekt seines Buches ist auch dadurch einer breiteren Ăffentlichkeit bewusst geworden, dass er seine WĂŒrdigung Pater Paolos und seines Ordens in seiner viel beachteten Friedenspreisrede wiederholt.
Im Jahr 2022 erschien Kermanis bislang erfolgreichstes religionsbezogenes Buch, mit dem programmatischen Titel: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt nĂ€her kommen. Es ist geschrieben als Anrede an Kermanis Tochter und reagiert auf ihre Fragen nach Gott und Religion. Es bietet auf diese Weise eine vorzĂŒgliche EinfĂŒhrung in den Glauben fĂŒr Jugendliche. Auch wenn er dabei vor allem den Islam im Blick hat und auch viele Spezifika dieser Religion verstĂ€ndlich macht, bietet sein mystischer Zugang zur Religion auch viel Identifikationspotenzial fĂŒr Andersglaubende. Spannend sind die prĂ€zisen Aufarbeitungen von Erkenntnissen moderner Physik fĂŒr die zeitgemĂ€Ăe Aneignung traditioneller GlaubensbestĂ€nde. So gelingt es Kermani, in humorvollem und leicht zu verstehendem Stil ein komplexes und bis zu Ende durchdachtes VerstĂ€ndnis von Religion anzubieten.
Ăbersicht des erzĂ€hlerischen Werks und Charakterisierung von Torsten Hoffmann
Der Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer Torsten Hoffmann von der UniversitĂ€t Stuttgart,cite-ref-48[48] ausgewiesener und langjĂ€hriger Kenner des umfangreichen literarischen Werks Kermanis, ordnet das erzĂ€hlerische Werk folgendermaĂen ein: Kennzeichnend fĂŒr die meisten seiner literarischen Texte sind eine autofiktionale Anlage (in seinem umfangreichsten Roman Dein Namecite-ref-49[49] trĂ€gt der Protagonist auch den Namen âNavid Kermaniâ), ein besonderes Interesse an anthropologischen Grunderfahrungen wie Geburt, Liebe und Tod sowie eine programmatische Kombination von (zum Teil drastischer) AlltagsnĂ€he, KunstaffinitĂ€t (unter Einbeziehung von Literatur, Musik, Film und Bildender Kunst) und ReligiositĂ€t. Die Grenzen zu den eher als Sachbuch rezipierten Texten (wie UnglĂ€ubiges Staunen oder Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt nĂ€her kommen) und den Reiseberichten sind dabei flieĂend â wĂ€hrend sich diese BĂŒcher oft literarischer ErzĂ€hlverfahren bedienen, enthalten viele der literarischen Tete auch essayistische Passagen.cite-ref-50[50]
Kermanis erster literarischer Text erschien 2002: Das Buch der von Neil Young Getöteten,cite-ref-51[51] in dem sich drei ThemenstrĂ€nge verbinden: erstens die Musik Neil Youngs, der zahlreiche Song-Interpretationen gewidmet sind, zweitens die erstaunliche therapeutische Wirkung dieser Musik auf die Drei-Monats-Kolik, an der die Tochter des Ich-ErzĂ€hlers in ihrem ersten Lebensjahr leidet, und drittens die von Neil Young maĂgeblich geprĂ€gte Biographie des ErzĂ€hlers (dessen NĂ€he zum Autor ebenso offensichtlich ist wie eine Tendenz zu ironischen Ăbertreibungen). Wichtigstes ErzĂ€hlprinzip ist die omniprĂ€sente (Selbst-)Ironie, die es dem ErzĂ€hler erlaubt, alle literarischen GroĂthemen von Gott ĂŒber die Liebe bis zum Tod in seinen Redefluss zu integrieren, ohne dass der Text damit ĂŒberladen wirkt. WĂ€hrend in der ersten HĂ€lfte des Textes philosophisch-literarische Reminiszenzen dominieren und die Texte Neil Youngs einer bisweilen philologischen Analyse unterzogen werden, konzentriert sich der zweite Teil auf die mystischen Erfahrungen, die der ErzĂ€hler als Kern von Neil Youngs Musik und des eigenen Musikhörens begreift. Schon der rĂ€tselhafte Titel des Buchs geht auf Das Buch der vom Koran Getötetencite-ref-52[52] zurĂŒck, eine Handschrift, in der von Mystikern berichtet wird, die den Koran gehört haben und darĂŒber gestorben sind â was den ErzĂ€hler an die existenzielle Bedeutung der Musik Neil Youngs fĂŒr das eigene Leben erinnert. Hier verortet er den Impuls, das Neil Young-Buch zu schreiben, das insofern eine narrative Parallelaktion (mit AusflĂŒgen ins Akademische) zu Kermanis oft zum Narrativen tendierender Dissertation Gott ist schön von 1999 darstellt, die sich der (auch musikalischen) Ăsthetik des Korans widmet und das Unterkapitel Die vom Koran Getöteten enthĂ€lt.
Kermanis zweiter ErzĂ€hltext Vierzig Lebencite-ref-53[53] enthĂ€lt vierzig Kurzgeschichten, in denen ungefĂ€hr ebenso viele Personen (zumeist nur einmal) auftreten, aus deren Leben ein Detail erzĂ€hlt wird. Jeder Text ist einem â wie es im Klappentext heiĂt â Königswort gewidmet: einem jener besonderen ZustĂ€nde des Menschen, wie sie schon der Sufi-Dichter Khadje Abdollah Ansari um 1000 notiert hat, auf den eine dem Text vorangestellte Liste zurĂŒckgeht, die u. a. die Begriffe Liebe, Eifer, Sehnsucht, Besorgnis und Durst enthĂ€lt. Die Geschichten, die z. B. Von der Hoffnung, Vom Durst und Von der Pflicht heiĂen, enthalten keine philosophischen Reflexionen ĂŒber den Begriff (wie es etwa in Adornos Ă€hnlich strukturierter Minima Moralia der Fall ist, auf die sich der ErzĂ€hler als wichtigen Bezugspunkt beruft), sondern anekdotenhafte ErzĂ€hlungen, in denen das jeweilige Titelwort vorkommt. Der Tonfall ist an mĂŒndliches ErzĂ€hlen angelehnt, in langen SchachtelsĂ€tzen aber zugleich anspruchsvoll komponiert. Der Vielfalt der Motive und Stimmungen steht eine zeitlich-rĂ€umliche Konzentration entgegen: Alle berichteten Ereignisse entstammen der unmittelbaren Gegenwart und handeln von Menschen, die in zumindest lockerer Verbindung mit der Stadt Köln stehen. Zusammengehalten werden die Texte zudem von einem Ich-ErzĂ€hler, der bisweilen an den Autor erinnert und vorgibt, alle Geschichten von Verwandten, Freunden oder entfernteren Bekannten erzĂ€hlt bekommen zu haben.
Der 2005 veröffentlichte Band Du sollstcite-ref-54[54] ist das erste Buch Kermanis, in dem kein dem Autor nahestehendes Ich auftritt. Vermittelt von einem unbeteiligten ErzĂ€hler, liefert der Text Einblicke in die intimsten Momente von zehn heterosexuellen Paaren (mit einer leichten PrĂ€ferenz fĂŒr den mĂ€nnlichen Blick). Ăber das Leben der Personen erfĂ€hrt man nicht viel, nicht einmal ihre Namen werden genannt, stattdessen konzentriert sich der Text auf kurze Sex- und Bettszenen â von Ferne klingt Arthur Schnitzlers SkandalstĂŒck Reigen nach. ErzĂ€hlt wird dabei weniger von sexuellen Praktiken als vielmehr von den sich dabei entspinnenden GesprĂ€chen und Gedanken. Fast alle Beziehungen stehen im Zeichen einer unĂŒberwindlichen NĂ€he. Abgesehen von einer kurzen ErzĂ€hlung, in der die Möglichkeit einer symmetrischen und emphatischen Liebe aufscheint (âEhre Vater und Mutterâ), sind die vorgestellten Beziehungen von MissverstĂ€ndnissen und TĂ€uschungen, Ăngsten und AbhĂ€ngigkeiten, Machtkonflikten und Gewalt geprĂ€gt. Auf dem Höhepunkt körperlicher Vereinigung empfinden viele der Figuren eine schmerzliche Einsamkeit â dieser Dialektik der Liebe gilt die besondere psychomikroskopische Aufmerksamkeit der Texte. Den ersten zehn ErzĂ€hlungen ist jeweils eins der zehn Gebote vorangestellt ist, auf die sich die Texte mit unterschiedlicher Deutlichkeit beziehen.
Im Kinderbuch Ayda, BĂ€r und Hasecite-ref-55[55] wird das Motiv der Vater-Tochter-Beziehung aus dem Neil Young-Buch wieder aufgenommen. Der BĂąbĂą genannte Vater erinnert an andere Protagonisten aus Kermanis BĂŒchern (und an den Autor): Er hat iranische Eltern, lebt in Köln, ist Fan des 1. FC Köln und von Neil Young. Im Zentrum steht nun aber seine fĂŒnfjĂ€hrige Tochter Ayda, die unter ihrer geringen KörpergröĂe leidet, und sich â statt mit anderen Kindern â mit einem BĂ€ren und einem Hasen anfreundet, die sprechen können. Leitgedanken sind u. a. die multikulturelle Toleranz, die Einsicht, âdass man auch glĂŒcklich sein kann, wenn nicht alles vollkommen istâ, sowie das gemeinsame Ăberwinden von Ăngsten.
Kurzmitteilungcite-ref-56[56] trĂ€gt als erster Text Kermanis die Gattungsbezeichnung Roman. Gewidmet ist er der Kölner Schauspielerin Claudia Fenner, die im Juli 2005 mit 40 Jahren an einem Gehirnschlag gestorben war. Im Text stirbt am gleichen Datum und ebenso ĂŒberraschend die bei Ford angestellte Maike Anfang, die gemeinsam mit dem Ich-ErzĂ€hler Dariusch, einem freiberuflichen Eventmanager, eine Veranstaltung organisieren sollte. Ausgangspunkt des Textes ist die titelgebende SMS, in welcher Dariusch an seinem Urlaubsort von dem plötzlichen Tod der ihm erst flĂŒchtig bekannten Maike Anfang erfĂ€hrt. Geschildert werden die ersten Tage nach dem Tod, wobei die Frage nach der angemessenen Kommunikation ĂŒber den Tod ein Leitmotiv darstellt. Betroffen ist Dariusch weniger vom persönlichen Verlust als vielmehr von der plötzlichen Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. Der Protagonist kann zwar so gebildet wie einfĂŒhlsam mit den Angehörigen der Verstorbenen sprechen, wird im Ganzen aber bis zur Karikatur als trotteliger und sexfixierter Macho vorgefĂŒhrt, der am Ende von seinem Erweckungserlebnis in einem amerikanischen Selbstfindungscenter berichtet. Wenn Kermani in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen den Roman als miĂlungene[n] Versuch beschreibt, den spezifischen Schock des Todes in einer konventionellen literarischen Form zu erfassen, ist dieses Urteil vor dem Hintergrund der langen Arbeit an seinem GroĂroman Dein Namecite-ref-57[57] zu lesen, der ursprĂŒnglich als Totenbuch konzipiert war und einer anderen Art des TotengedĂ€chtnisses verpflichtet ist. Dein Name ist mit seinen 1229 eng bedruckten Seiten der lĂ€ngste Text Kermanis, gilt fĂŒr viele Kritikerinnen und Kritiker als sein Hauptwerk und stellt eine der originellsten Autofiktionen der Gegenwartsliteratur dar. ErzĂ€hlt wird der Text von einer Navid Kermani genannten Figur, die zahlreiche, aber nicht alle biographischen Details mit dem Autor teilt. Sie kombiniert die Schreibweisen u. a. von Tagebuch, Beziehungs- und Familienroman, Reisereportage, Internetblog, Brief- bzw. SMS-Roman, poetologischer und wissenschaftlicher Abhandlung, politischem Essay und â das wird als Keimzelle prĂ€sentiert â nachrufĂ€hnlichen Gedenktexten. Diese kurzen Texte sind Menschen gewidmet, die (fast alle) dem Autor nahestanden und wĂ€hrend der auf die Zeit vom 8. Juni 2006 bis zum 11. Juni 2011 datierten Arbeit an dem Roman gestorben sind. Daneben erzĂ€hlt der Roman auf einer zweiten Ebene seine Entstehungsgeschichte, und zwar nicht nur im Blick auf Poetik und Schreibprozess, sondern auf das ganze Leben der Autorfigur. Der omniprĂ€senten VergĂ€nglichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens wird damit der Versuch entgegengestellt, das GegenwĂ€rtige auf möglichst umfassende und unzensierte Weise sprachlich zu konservieren. Als dritter ErzĂ€hlfaden fungiert die Biographie des iranischen GroĂvaters, der Mitte der 1980er Jahre in Isfahan gestorben ist und kurz vor seinem Tod eine Autobiographie verfasst hat, die dem Protagonisten 2006 in die HĂ€nde fĂ€llt und die er mit zunehmender AusfĂŒhrlichkeit zitiert, paraphrasiert und kommentiert. In hohem MaĂ selbstreflexiv ist der Roman dadurch, dass zahlreiche EinwĂ€nde unterschiedlichster Erstleser auf die Manuskriptfassungen wiedergegeben werden, so dass der Roman seine eigene Kritik bereits mitliefert (und sie nicht immer entkrĂ€ften kann oder will, sondern gerade das Schlechtgeschriebene, das Peinliche, das Weinerliche als Belege des Scheiterns gutheiĂt).
Dein Name ist eng verwoben mit Kermanis Frankfurter Poetikvorlesungen aus dem Sommersemester 2010, die sich als Vorrede zum Roman lesen lassen (sie enthalten u. a. kommentierte Manuskriptpassagen des Romans, der wiederum aus den Vorlesungen zitiert und diese kommentiert). In den unter dem Titel Ăber den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibecite-ref-58[58] 2012 auch als Buch veröffentlichten fĂŒnf Vorlesungen wird weniger Bilanz gezogen als vielmehr die zukĂŒnftige Poetik des unabgeschlossenen Romanprojekts Dein Name erkundet. Jean Paul und Friedrich Hölderlin reprĂ€sentieren dabei komplementĂ€re und sich immer wieder gegenseitig in Schach haltende ErzĂ€hlambitionen: WĂ€hrend Jean Paul den Romanschreiber dazu anspornt, die TotalitĂ€t des Irdischen in seinen Text zu integrieren, steht Hölderlin fĂŒr die Seelenreise durch den Himmel, fĂŒr die Sehnsucht nach dem Absoluten, der sinnlichen wie ĂŒbersinnlichen Ekstase.cite-ref-59[59]
Auf die global angelegte Alles -Poetik von Dein Name folgte mit dem Prosaband GroĂe Liebecite-ref-60[60] ein streng durchkomponierter, in sprachlicher wie thematischer Hinsicht deutlich homogenerer Text. Der Ich-ErzĂ€hler blickt als Mittvierziger zurĂŒck auf seine erste Liebe, die er als 15-JĂ€hriger fĂŒr die etwas Ă€ltere Abiturientin Jutta empfand. Obwohl die Beziehung nur wenige Tage dauerte, scheint sie ihm in ihrer IntensitĂ€t noch Jahrzehnte spĂ€ter unĂŒbertroffen zu sein. ErzĂ€hlt wird die Liebesgeschichte in 100 Kapiteln, die von Beginn an den Schreibprozess mitreflektieren. Im Verlauf des Textes wird immer deutlicher, dass den ErzĂ€hler weniger die eigene Biographie als vielmehr die Suche nach einer allgemeinen psycho-physischen Matrix der ersten Liebe beschĂ€ftigt. Abgeglichen wird die eigene Liebeserfahrung dabei mit der Liebeslehre, die sich in der persischen Literatur insbesondere des 10.â14. Jahrhunderts findet. So spiegelt der ErzĂ€hler seine jugendliche Beziehung in einem der berĂŒhmtesten Liebespaare der orientalischen Literatur, Leila und Madschnun, und verwebt seine Ăberlegungen mit den Liebesreflexionen frĂŒhislamischer Mystiker. Die eigene Sakralisierung der SexualitĂ€t wird dort bereits diskutiert, ebenso die Vergleichbarkeit des ekstatischen Ichverlustes in Religion, SexualitĂ€t und Drogenrausch. Im Zentrum des Textes steht letztlich nicht eine möglichst genaue Rekonstruktion der Beziehung zu Jutta, sondern das ErzĂ€hlen vom ErzĂ€hlen dieser Liebe.
Als Fortsetzung des VorgĂ€ngertextes ist Sozusagen Pariscite-ref-61[61] angelegt: Der Ich-ErzĂ€hler wird nach einer Lesung aus GroĂe Liebe von seiner Jugendliebe angesprochen, die mittlerweile BĂŒrgermeisterin einer Kleinstadt ist. Das neue Buch schildert die erste Begegnung der beiden nach dreiĂig Jahren, die sich nach der Lesung bis in den nĂ€chsten Morgen zieht. Im Ganzen steht der Text in einem KomplementĂ€rverhĂ€ltnis zu seinem VorgĂ€nger: Ging es dort um die Ekstase der ersten Verliebtheit, rĂŒckt nun die Langzeitliebe in den Fokus, vor allem im Hinblick auf Juttas 23-jĂ€hrige Ehe. WĂ€hrend in GroĂe Liebe aus der Perspektive des Mannes erzĂ€hlt wurde, wird das nĂ€chtliche GesprĂ€ch von der Frau dominiert â erstmals in Kermanis Werk steht damit eine weibliche Stimme im Zentrum des Textes. Wie GroĂe Liebe zielt auch Sozusagen Paris auf eine ĂŒberindividuelle Erkundung des Liebens, ist dabei aber anders justiert: Statt der frĂŒhislamischen Mystik sind es die französischen Eheromane des 19. Jahrhunderts bis zu Marcel Proust, mit denen die moderne Liebe abgeglichen wird. Damit verschiebt sich das Nachdenken ĂŒber Liebe von einem allgemein-anthropologischen zu einem historischen Blickwinkel. Insbesondere an der groĂen Bedeutung von Kindern fĂŒr die LebensfĂŒhrung und die emotionale StabilitĂ€t des Ehepaares werden Differenzen zu Ă€lteren Eheromanen sowie Spezifika des Liebens und Zusammenlebens im 21. Jahrhundert deutlich gemacht. Den Roman durchziehen wiederum poetologische, oft selbstironische Reflexionen, die hier in Form möglicher EinwĂ€nde diskutiert werden, die Jutta oder der Lektor gegen den Roman vorbringen könnten â und die in ein emphatisches Bekenntnis zur Kraft der Literatur mĂŒnden.cite-ref-62[62]
Das Alphabet bis S (2023)cite-ref-63[63] ist nach Dein Name der umfangreichste Roman Kermanis und lĂ€sst sich als KomplementĂ€rtext dazu lesen: WĂ€hrend Dein Name auf eine Trennung zwischen dem mĂ€nnlichen Ich-ErzĂ€hler und seiner Partnerin zulĂ€uft (die im Roman aber nicht vollzogen wird), blickt Das Alphabet bis S auf eine gescheiterte Ehe zurĂŒck. Die Pointe besteht darin, dass der Roman aus der Perspektive eines namenlos bleibenden weiblichen Ichs erzĂ€hlt wird, dessen Tagebuch ohne Datum den Kern des Textes bildet. Eine strengere Komposition als in Dein Name entsteht zum einen dadurch, dass die 365 Kapitel â beginnend mit Neujahr â ein Jahr abbilden. Zum anderen â darauf spielt der Titel an â arbeitet sich die selbsterklĂ€rte Lesschreiberin im Laufe des Jahres alphabetisch durch die ungelesenen Texte ihres BĂŒcherregals und kommt dabei bis zu den mit S beginnenden Nachnamen. Das aus den VorgĂ€ngertexten bekannte Spiel mit der Autofiktion erfĂ€hrt dadurch eine Neuausrichtung, dass Leben, LektĂŒren und Denken der Protagonistin zahlreiche Parallelen zum Autor Navid Kermani aufweisen (von der muslimischen Herkunft ĂŒber die schriftstellerische Arbeit und die FuĂballaffinitĂ€t bis zur Bedeutung des Totengedenkens); auch die Verbindung von erzĂ€hlenden und essayistischen Passagen erinnert an Dein Name. So offensichtlich die Trennung von Autor und ErzĂ€hlerin also einerseits vollzogen ist, legt der Text andererseits auf ironische Weise nahe, ihn als eine ins Weibliche gespiegelte Version von Kermanis eigenem Leben und Schreiben zu rezipieren. Die dabei entstehende Mischung von komischen Effekten mit der ernsthaften Ambition, die auch im 21. Jahrhundert noch relevante Bedeutung von Geschlechterrollen zu reflektieren, steht im Zentrum des Romans. Der Text kann damit auch als literarisches PlĂ€doyer dafĂŒr gelesen werden, identitĂ€tspolitische Trennungen zu ĂŒberwinden.
Werkrezeption
Kermani vermag es, so Gustav Seibt in der SĂŒddeutschen Zeitung, auf unangestrengte Weise zu Positionen von Herder, Goethe, RĂŒckert und dem Orientalismus der deutschen Klassik Bezug zu nehmen und sich ebenso kompetent zu Lessing, Kleist, Hölderlin und Kafka zu Ă€uĂern wie zur Ăsthetik des Korans und islamischen Mystik.cite-ref-64[64] Bereits Kermanis ErzĂ€hlung ĂŒber den kanadischen Rockmusiker Neil Young, Das Buch der von Neil Young Getöteten (2002), wurde zahlreich rezensiert und war bei den Kritikern und dem Publikum ein groĂer Erfolg.cite-ref-65[65]cite-ref-66[66] Ende 2023 erschien der Suhrkamp-Band in zehnter Auflage.cite-ref-67[67] Mehrfach wurde es fĂŒr die BĂŒhne adaptiert, unter anderem am Hamburger Thalia Theater.cite-ref-68[68] DarĂŒber hinaus wurde nach seinem Roman ein Radiosender benannt, der seit 2010 online Musik prĂ€sentiert, die Neil Young gut finden wĂŒrde oder die die Leute gut finden wĂŒrden, die auch Neil Young gut finden.cite-ref-69[69]
Im November 2005 inszenierte Kermani am Schauspiel Köln Hosea nach Texten der Bibel und Friedrich Hebbels.cite-ref-70[70]cite-ref-71[71] Sein 2005 veröffentlichtes Buch Der Schrecken Gottes â Attar, Hiob und die metaphysische Revolte wurde von Uwe Justus Wenzel in der NZZ als âheilsam verstörendâ oder von Karl-Josef Kuschel âbuchstĂ€blich grenzsprengendâ in der Frankfurter Rundschau bezeichnet.cite-ref-72[72] Das Kulturmagazin von Ă1 zieht Parallelen zu frĂŒheren Arbeiten Kermanis, deren religiös-vergleichende Metaphysik ebenfalls von der Frage der Theodizee geprĂ€gt war.cite-ref-73[73]
Mit Verweis auf sein Buch Dein Name erhielt Kermani 2014 den Joseph-Breitbach-Preis.cite-ref-74[74] Mit Verweis auf seinen Roman Das Alphabet bis S, der formal an Dein Name anknĂŒpft, erhielt Kermani den Thomas-Mann-Preis.cite-ref-75[75]
Kermani setzt sich fĂŒr die weltanschauliche NeutralitĂ€t des Staates ein.cite-ref-76[76] Der Orientalist kritisiert jedoch einen mit der âkompletten VerdrĂ€ngung des Religiösenâ einhergehenden âreligiösen Analphabetismusâ, der zu einer âgrundlegenden Verarmung der Gesellschaftâ fĂŒhre.cite-ref-77[77] Daher benennt Kermani die religiöse Toleranz und Religionsfreiheit als bedeutsamen europĂ€ischen Wert und fordert, im Sinne der AufklĂ€rung, RĂŒcksicht auf Glauben und Weltanschauung anderer.cite-ref-78[78]cite-ref-79[79] Den letzten Geheimnissen kommt kein Mensch auf die Spur, warum ist etwas, warum ist nicht nichts und so weiter und so fort. Darum eben entstand Religion: In ihr findet der Mensch einen Umgang mit dem, was er nicht erklĂ€ren kann. Das ist nicht gegen die AufklĂ€rung, sondern gibt dem einen Ausdruck, was den Verstand ĂŒbersteigt. AntiaufklĂ€rerisch wĂ€re es eher, die Grenzen des Verstands zu ignorieren, so Navid Kermani.cite-ref-80[80]
Positionen
Irakkrieg (2003)
Den Irakkrieg lehnte Kermani ab. Die Herrschaft unter Saddam Hussein sieht er davon unabhĂ€ngig als ein schlimmes Terrorregime an, dessen Ende er begrĂŒĂte.cite-ref-int-81-0[81] Im Feuilleton der SĂŒddeutschen Zeitung und seinem Buch Strategie der Eskalationcite-ref-82[82] schrieb Kermani 2005, dass im Irakkrieg nicht nur die USA, sondern auch Europa versagt hĂ€tten â und dass die Alte Welt im Begriff sei, dieselben Fehler im Konflikt mit dem Iran zu wiederholen. Er Ă€uĂerte, dass das âamerikanische Projekt einer Neuordnung des Nahen Ostensâ den meisten Iranern heute ungleich nĂ€herstehe âals die sich so altruistisch gebende Politik der EuropĂ€erâ. Dass Europa so tue, als gebe es im Iran noch ReformbemĂŒhungen, nennt Kermani Selbstbetrug. Als Beleg fĂŒhrt er die von Irans Herrschern geknebelte Pressefreiheit, die inhaftierten Oppositionellen und die GĂ€ngelung der Parlamentswahlen zur Wiederherstellung einer âkonservativenâ Mehrheit an. âKrieg ist das falsche Mittel. Aber Befreiung nicht das falsche Zielâ, so Kermani.
Festrede zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters (2005)
Beim Galaabend zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg kritisierte 2005 Kermani in seiner Festrede Europa als Wertegemeinschaft und die FlĂŒchtlings- und Asylpolitik der EU, stellte diese gar in Frage.cite-ref-83[83] Schon seit Jahrhunderten ertrĂ€umen nach Kermani die Dichter ein Europa ohne Grenzen, ohne Nationalismen.cite-ref-84[84]
Kölner Moscheebau (2007)
Am 4. Juni 2007 veröffentlichte Kermani, ebenfalls in der SĂŒddeutschen Zeitung, eine Reportage ĂŒber eine BĂŒrgeranhörung zum Moscheebau in Köln-Ehrenfeld, in der er sich von der offenen GesprĂ€chsatmosphĂ€re begeistert zeigte und den anwesenden BĂŒrgern âDemokratie in Reinkulturâ bescheinigte. Es gebe in Köln eine âbreite weltoffene Mitteâ, die wesentlich toleranter sei als mancher Intellektuelle.cite-ref-85[85]
Hessischer Kulturpreis (2009)
2009 erhielt Kermani, nach zwischenzeitlicher Aberkennung â zusammen mit Kardinal Karl Lehmann, dem ehemaligen KirchenprĂ€sidenten von Hessen-Nassau Peter Steinacker und dem VizeprĂ€sidenten des Zentralrats der Juden Salomon Korn â den Hessischen Kulturpreis, dessen Verleihung in dem Jahr unter das Motto interreligiöser Toleranzcite-ref-86[86] gestellt war.
Der Preis wurde ihm am 20. MĂ€rz 2009 angetragen, nachdem der ursprĂŒnglich vorgesehene Fuat Sezgin die Annahme mit der BegrĂŒndung, sein MitpreistrĂ€ger Salomon Korn befĂŒrworte die MilitĂ€raktionen Israels, abgelehnt hatte. Am 13. Mai 2009 erfuhr Kermani von der Aberkennung der ihm zugedachten Auszeichnung.cite-ref-faz20090516-87-0[87] Ausschlaggebend fĂŒr die Aberkennung war, dass Lehmann und Steinacker sich kritisch zu Kermani geĂ€uĂert hatten. Sie nahmen AnstoĂ an einem Feuilleton-Artikel Kermanis ĂŒber ein KreuzigungsgemĂ€lde von Guido Reni, der am 14. MĂ€rz 2009 in der NZZ erschienen war. Darin schrieb Kermani: âFĂŒr mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: GotteslĂ€sterung und Idolatrie.âcite-ref-88[88] Im Fortgang jedoch berichtete er von der ErschĂŒtterung dieser Auffassung durch die Ă€sthetische Erfahrung: âErstmals dachte ich: Ich â nicht nur: man â, ich könnte an ein Kreuz glauben.â Am 24. April 2009 Ă€uĂerte Lehmann in einem Brief an den hessischen MinisterprĂ€sident Roland Koch, dass er âunter diesen UmstĂ€nden den Preis nicht in Empfang nehmen kannâ.cite-ref-lehmann-89-0[89]cite-ref-fr-90-0[90] Sein Tonfall wurde von Kommentatoren als âsubtil [âŠ] diffamieren[d]â,cite-ref-fr-90-1[90] âblasiertâ, âinfamâ und âherablassendâcite-ref-91[91] wahrgenommen; auch Kermani empfand ihn als âdiffamierendâ.cite-ref-faz20090516-87-1[87]cite-ref-92[92]cite-ref-93[93] Letztlich entschlossen sich Lehmann und Steinacker nach einem GesprĂ€ch mit Kermani doch zur gemeinsamen Annahme des Preises, der am 26. November 2009 schlieĂlich an die vier PreistrĂ€ger vergeben wurde. MinisterprĂ€sident Koch entschuldigte sich dabei bei Kermani.cite-ref-94[94] Sein Preisgeld spendete Kermani an den Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Theodor in Köln-Vingst, Franz Meurer.cite-ref-95[95]
Arabischer FrĂŒhling (2011)
Im Februar 2011 wĂŒrdigte Kermani den Arabischen FrĂŒhling, denn die Demonstranten seien fĂŒr âFreiheit, WĂŒrde, Rechtsstaatlichkeit, Chancengleichheitâ auf die StraĂe gegangen. Die Politik westlicher Regierungen kritisierte er. âKriminalitĂ€t und Komplizenschaft (mit Diktaturen)â scheinen, so der Autor, âin einigen europĂ€ischen RegierungspalĂ€sten normal geworden zu seinâ. Positiv betonte er die Rolle von Al-Dschasira; der Sender habe viel zur Debattenkultur beigetragen. Die Berichterstattung deutscher Medien, in denen laut Kermani Leute âdarĂŒber schwadronieren, dass im Islam Staat und Politik eins seienâ, wies er als âreligiös gefĂ€rbte koloniale Brilleâ zurĂŒck; es gehe bei den Protesten nicht um Religion. Zudem wendete er sich gegen den Multikulturalismus als einen Kulturalismus, der Diktaturen begrĂŒnde: âMan verfĂ€llt umgekehrt in den Relativismus und behauptet, dass die Menschen anderswo gar keine Demokratie wollten, weil sie nun einmal anders seien, andere Traditionen hĂ€ttenâ. Solch eine Sicht wĂŒrde gegen das ursprĂŒngliche linke Ziel, die Gleichheit aller Menschen und die Angleichung der LebensverhĂ€ltnisse, wirken. Allgemein habe die âĂberbetonung von Andersartigkeit, sei es der Migranten oder der Hartz-IV-EmpfĂ€nger, [âŠ] vor allem die Funktion, Unterschiede â vor allem auch ökonomische Unterschiede â zu zementierenâ.cite-ref-int-81-1[81]
âTriumph des VulgĂ€rrationalismusâ (2012)
Im Rahmen der intensiven öffentlichen Diskussion ĂŒber das Beschneidungsurteil des Landgerichts Köln von 2012 veröffentlichte Kermani in der SĂŒddeutschen Zeitung einen Artikel unter dem Titel âTriumph des VulgĂ€rrationalismusâ.cite-ref-96[96] Hierin wirft er dem Landgericht vor, âmal eben so im Handstreich viertausend Jahre Religionsgeschichte fĂŒr obsolet zu erklĂ€renâ. AufklĂ€rung sei nicht nur die Herrschaft der Vernunft, sondern zugleich das Einsehen in deren Begrenztheit. âDer VulgĂ€rrationalismus hingegen, der sich im Urteil des Kölner Landgerichts ausdrĂŒckt, setzt den eigenen, also heutigen Verstand absolut.â Joachim Gauck hat die Bezeichnung âVulgĂ€rrationalismusâ in seinen Stellungnahmen zur Beschneidungsdebatte ĂŒbernommen.cite-ref-97[97]
Rede zur Feierstunde 65 Jahre Grundgesetz (2014)
Am 23. Mai 2014 erinnerte der Deutsche Bundestag in einer Feierstunde an die VerkĂŒndung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. Kermani war als Festredner geladen.cite-ref-98[98] In seiner Rede analysierte er die Sprache des Grundgesetzes und verglich ihre WirkmĂ€chtigkeit mit der der Lutherbibel.cite-ref-rede-textarchiv-99-0[99]cite-ref-100[100] Er sprach ĂŒber die historischen Fortschritte der Nachkriegszeit und stellte fest, dass das Grundgesetz âWirklichkeit geschaffenâ habe.cite-ref-rede-textarchiv-99-1[99] Kermani lobte die Bundesrepublik Deutschland, weil sie den Verfassungsnormen Geltung verschafft habe. Zugleich wĂŒrdigte er die Integrationsbereitschaft und die BemĂŒhungen der deutschen Gesellschaft. Mehrfach erwĂ€hnte er Willy Brandt. In Bezug auf ihn sagte er: âWenn ich einen einzelnen Tag, ein einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, fĂŒr die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort WĂŒrde angezeigt scheint, (âŠ) dann war es der Kniefall von Warschauâ. Er ĂŒbte scharfe Kritik an der EinschrĂ€nkung des Asylrechts durch die GrundgesetzĂ€nderung von 1993 (âAsylkompromissâ), die er als âEntstellungâ des Artikels 16a und eine âVerstĂŒmmelungâ der Verfassung bezeichnete.cite-ref-101[101] Dennoch betonte er die Chancen, die die Bundesrepublik gerade auch Einwanderern geboten habe, und schloss die Rede â in deren Namen â mit den Worten âDanke, Deutschlandâ.cite-ref-rede-textarchiv-99-2[99]cite-ref-zeit-danke-102-0[102] Einzelne Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion kritisierten die Rede als einseitig oder tendenziös, Georg NĂŒĂlein (CSU) verlieĂ den Saal.cite-ref-zeit-danke-102-1[102] In den deutschen Medien wurde die Rede dagegen positiv aufgenommen und besprochen.cite-ref-103[103] Die UniversitĂ€t TĂŒbingen zeichnete sie als âRede des Jahres 2014â aus.cite-ref-104[104]cite-ref-105[105]
Stellungnahme zur Offensive des âIslamischen Staatesâ im Nahen Osten (2014)
In der Berliner Zeitung rief Kermani im August 2014 dazu auf, den âIslamischen Staatâ (IS) im Irak auch mit militĂ€rischen Mitteln zu stoppen. Er verglich den Konflikt von seiner Bedeutung her mit dem Ersten Weltkrieg und warnte vor einem Genozid an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten. Er wies in seiner Stellungnahme auf die Bedeutung von humanitĂ€ren Korridoren fĂŒr FlĂŒchtlinge hin und warnte vor einer âPol-Pot-Version des Islamâ von âden Grenzen Irans bis an die KĂŒste des Mittelmeersâ.cite-ref-106[106] In seiner Friedenspreis-Rede rief Kermani im Oktober 2015 dazu auf, sich âwomöglich militĂ€risch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlichâ gegen den Islamischen Staat zu wenden. Er rufe nicht zum Krieg auf, weise aber darauf hin, dass der Krieg ânicht mehr allein in Syrien und im Irak beendet werdenâ könne. Er könne ânur von den MĂ€chten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen, Iran, die TĂŒrkei, die Golfstaaten, Russland und auch der Westen.âcite-ref-107[107]
Charlie Hebdo-Rede in Köln (2015)
Kermani hielt am 14. Januar 2015 in Köln auf dem Appellhofplatz auf der Trauerkundgebung âWir sind Charlie â FĂŒr Freiheit und Vielfaltâ des BĂŒndnisses Köln stellt sich quer fĂŒr die Opfer des islamistisch motivierten Terroranschlags auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris eine Rede, die ĂŒberregional beachtet und rezipiert wurde. Kermani richtete seine Rede vor allem an die Muslime und ihrem so oft kommunizierten Argument, der Islam habe nichts mit Terror und Gewalt zu tun. Zugleich plĂ€dierte er dafĂŒr, der Barmherzigkeit wieder mehr Geltung zu verschaffen und vor allem frei zu bleiben.cite-ref-108[108]cite-ref-109[109]cite-ref-110[110]
Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2015)
Kermanis bewegende Dankesrede Ăber die Grenzen â Jacques Mourad und die Liebe in Syriencite-ref-111[111] wurde breit rezipiert und kontrovers diskutiert. Sie widmete sich in der Frankfurter Paulskirche dem christlichen Pater Jacques Mourad, der sich dem Islam verbunden fĂŒhlt, in Syrien von Terroristen des sogenannten Islamischen Staats aus dem Kloster Mar Elian entfĂŒhrt und von Muslimen wieder befreit werden konnte. Glaubenslehren, die sich offenbar erbittert gegenĂŒberstehen: Islam und Christentum; nun aber als grenzĂŒberschreitend dastehen. Kermani stellte die Schönheit und geistige Tiefe des Islam und zugleich den Terror im Namen des Islams in den Mittelpunkt seiner Rede, wobei auch die Verfehlungen des Westens im Umgang etwa mit Saudi-Arabien thematisiert wurde. Dazu beklagte er den fehlenden gesellschaftlichen Diskurs in unserem Land. Seine Rede beendete er mit einem Gebet fĂŒr die Patres, fĂŒr die Christen in Syrien und fĂŒr die Freiheit in den LĂ€ndern des Nahen Ostens.cite-ref-112[112]
Die Kölner Botschaft , auch Rheinische Botschaft (2015/16)
Kermani initiiertecite-ref-113[113] nach der Kölner Silvesternacht vom 31. Dezember 2015 auf den 1. Januar 2016, in der es vor allem am Kölner Hauptbahnhof und der Domumgebung zu zahlreichen sexuellen Ăbergriffen auf Frauen von Gruppen junger MĂ€nner vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum kamen, die Kölner Botschaft, die zahlreiche prominente Kölner und RheinlĂ€nder unterzeichnet haben:
Keine Toleranz gegenĂŒber sexueller Gewalt, Kampf gegen bandenmĂ€Ăige KriminalitĂ€t, Konsequenzen aus dem Behördenversagen und Schluss mit fremdenfeindlicher Hetze.
Rede an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen (2017)
In einer Rede zum zwanzigjĂ€hrigen Bestehen des Lehrstuhls fĂŒr JĂŒdische Geschichte und Kultur an der LMU MĂŒnchen berichtete Kermani von seinem Empfinden wĂ€hrend eines Besuches des Vernichtungslagers KZ Auschwitz und davon, wie das Leben und Arbeiten in der deutschen Sprache eine Verantwortung fĂŒr die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges mit sich bringt.cite-ref-116[116]
Stellungnahme zur Ausladung von Lisa Eckhart (2020)
Bei der Eröffnung des Hamburger Harbourfront-Literaturfestivals im September 2020 kritisierte er zwei Autoren, die es abgelehnt hatten, mit Lisa Eckhart auf der BĂŒhne zu stehen, was laut Kermani zur Ausladung von Eckhart fĂŒhrte. Eckhart sei wegen ihres DebĂŒtromans Omama eingeladen worden, und â[âŠ] die BĂŒhne ist ein öffentlicher Raum, und indem eine unabhĂ€ngige Jury ihren Roman ausgewĂ€hlt hat, stand ihr das gleiche Recht zu, diesen öffentlichen Raum zu betreten [âŠ].âcite-ref-117[117]
Die beiden Autoren stellten klar, dass sie die Ausladung von Eckhart nicht wollten.cite-ref-118[118]
Stellungnahme zum generischen Maskulinum (2022)
2022 hat Kermani, aus der Perspektive eines Schriftstellers, in der Wochenzeitung Die Zeit seine Position zum generischen Maskulinum vorgelegt. In diesem Essay bemerkt er, dass das Deutsche die einzige Sprache ist, âaus der die geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive und Pronomen ganz verschwinden könnte.â Er bedauert dies zutiefst, weil das generische Maskulinum âsehr viel sprachliche Differenzierungâ erlaube, wĂ€hrend der Verzicht darauf die Sexualisierung der Sprache befördern und seine Abschaffung âdie Gleichberechtigung keinen Schritt voranbringenâ werde. WĂ€hrend z. B. deutsche Autorinnen sich, wo sie nicht ihr Geschlecht herausstellen wollten, noch in den 1970er Jahren selbstverstĂ€ndlich als âAutorenâ bezeichnet haben, sei das generische Maskulinum heute auf dem RĂŒckzug und werde vielfach nicht mehr verstanden:cite-ref-kermani-119-0[119]
âEin Sprachwissenschaftler kann noch so hĂ€ufig darauf verweisen, dass etwa ein Wort wie »Leser« ein Gattungsbegriff ist und man genau genommen von mĂ€nnlichen Lesern sprechen mĂŒsste, wenn ausschlieĂlich MĂ€nner gemeint sind â sobald niemand mehr im Wort »Leser« die Leserinnen mithört, hat der Wissenschaftler allenfalls sprachgeschichtlich recht.â
â
Navid Kermani
:
Mann, Frau, völlig egal
Die einzigartige stilische Leistung des generischen Maskulinums liegt nach Kermani darin, dass es âden vielfĂ€ltigen ĂbergĂ€ngen, Ăberschneidungen und Ambivalenzenâ, die das Menschsein ausmachen, ungleich viel besser gerecht werde als solche sprachlichen Ausdrucksmittel, die allem und jedem ein biologisches Geschlecht zuweisen. âSprache [âŠ] kategorisiert, das ist ihre Natur als Zeichensystem; das heiĂt, sie ordnet die vielfĂ€ltige, ambivalente, in ihrer KomplexitĂ€t letztlich unendliche Erfahrungswelt einer notwendig begrenzten Anzahl von Begriffen zu. [âŠ] Sprache sagt Mann und Frau, obwohl alle Weisheitslehren auf die eine oder andere Weise die Einsicht bereithalten, dass keine menschliche Natur und schon gar nicht unsere SexualitĂ€t in eine starre geschlechtliche Dichotomie passt. [âŠ] Geschlechtszuschreibungen gehen nicht in zwei, sie gehen aber auch nicht in 27 Kategorien auf.â Mit dem generischen Maskulinum liege im Deutschen ein Ausdrucksmittel vor, das auf solche Zuschreibungen gĂ€nzlich verzichte, so dass Kermani Parallelen zum Persischen sieht, das gar kein Genus kennt und Schriftstellern dadurch u. a. eine homoerotische Dichtung erlaubt, in der gĂ€nzlich offen bleiben kann, ob der oder die Geliebte gemeint ist. Im Deutschen dagegen mĂŒsse zumindest in der Prosa das Geschlecht des oder der Geliebten stets offenbart werden, was der Einbildungskraft des Lesers kostbaren Raum nehme. Andererseits lasse das generische Maskulinum im Deutschen oft aber Nuancierungen zu, die in anderen Sprachen nicht möglich wĂ€ren: âWenn ich etwa eine Mail an meine Freunde verschicke, um sie zu meinem Geburtstag einzuladen, dann rede ich sie bewusst nicht als Freundinnen und Freunde an.â Die Verwendung des generischen Maskulinums werde oft als Provokation, also als Gegenteil dessen verstanden, was es tatsĂ€chlich leiste: einen Verzicht auf Sexualisierung. Gleichzeitig entscheide er sich selbst fĂŒr eine das mĂ€nnliche und weibliche Geschlecht einbeziehende Anrede aus GrĂŒnden der Höflichkeit, wo das generische Maskulinum als Affront wahrgenommen wĂŒrde.cite-ref-kermani-119-2[119]
âWenn eine mĂ€nnliche grammatische Form die geschlechtliche IdentitĂ€t gerade nicht mehr ĂŒberginge, sondern im Gegenteil ĂŒberbetonte, wĂ€re das generische Maskulinum endgĂŒltig tot.â
â
Navid Kermani
:
Mann, Frau, völlig egal
Auszeichnungen und Mitgliedschaften
âą 2000: Ernst-Bloch-Förderpreis fĂŒr sein Buch Gott ist schön: Das Ă€sthetische Erleben des Koran (1999)cite-ref-120[120]
âą 2003: Jahrespreis der Helga-und-Edzard-Reuter-Stiftungcite-ref-121[121]
âą 2004: Schwarzkopf-Europa-Preis der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europacite-ref-122[122]
âą 2007 Mitglied der Deutschen Akademie fĂŒr Sprache und Dichtungcite-ref-123[123]
âą 2008: Stipendiat in der Villa Massimo in Romcite-ref-124[124]
âą 2009: Hessischer Kulturpreiscite-ref-125[125]
âą 2011: Buber-Rosenzweig-Medaillecite-ref-126[126]
âą 2011: Nominierung des Romans Dein Name fĂŒr den Deutschen Buchpreiscite-ref-129[129]
⹠2012: Ehrenpreis des Kölner Kulturpreises 2012cite-ref-130[130]
âą 2012: Cicero-Rednerpreiscite-ref-133[133]
âą 2014: Gerty-Spies-Literaturpreiscite-ref-134[134]
âą 2014: Joseph-Breitbach-Preis mit Bezug zu Dein Name (2011)cite-ref-135[135]
âą 2014: Deutscher Dialogpreis des BDDIcite-ref-136[136]
âą 2015: Ordentliches Mitglied der Nordrhein-WestfĂ€lischen Akademie der Wissenschaften und der KĂŒnstein der Klasse der KĂŒnstecite-ref-137[137]
âą 2015: Friedenspreis des Deutschen Buchhandelscite-ref-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-de-2-1[2]
âą 2016: Marion-Dönhoff-Preis fĂŒr internationale VerstĂ€ndigung und Versöhnungcite-ref-138[138]
âą 2017: ECF Princess Margriet Award for Culture der European Cultural Foundationcite-ref-139[139]
âą 2017: BĂŒrgerpreis der deutschen Zeitungencite-ref-141[141], dazu die Laudatio von Wolf Lepenies:cite-ref-142[142]
⹠2020: Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburgcite-ref-145[145]
⹠2021: Berufung als Ehrenmitglied in das Kuratorium des Vereins der Freunde und Förderer des WDR Sinfonieorchesterscite-ref-146[146]
âą 2021: Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels fĂŒr Toleranz in Denken und Handelncite-ref-orf3216448-147-0[147]
âą 2022: EhrendoktorwĂŒrde der Philosophischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Siegencite-ref-148[148]cite-ref-149[149]
âą 2023: Hans-Ehrenberg-Preiscite-ref-150[150]
âą 2023: Winfried-Preis der Stadt Fuldacite-ref-151[151]
âą 2023: Mitglied der Autorenvereinigung PEN Berlincite-ref-152[152]
âą 2024: Thomas-Mann-Preiscite-ref-153[153]
Veröffentlichungen (Auswahl)
Monographien
âą Gott ist schön: Das Ă€sthetische Erleben des Koran (zugleich Dissertation 1998 Rheinische Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn). C.H. Beck, MĂŒnchen 1999, ISBN 3-406-44954-9.
âą Iran: Die Revolution der Kinder. C.H. Beck, MĂŒnchen 2000, ISBN 3-406-47399-7; 3. Auflage 2015.
âą Das Buch der von Neil Young Getöteten. Ammann, ZĂŒrich 2002, ISBN 3-250-60039-3.
⹠Dynamit des Geistes. Martyrium, Islam und Nihilismus. Wallstein, Göttingen 2002, ISBN 3-89244-622-9.
âą Schöner neuer Orient: Berichte von StĂ€dten und Kriegen. 2. Auflage, C.H. Beck, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-406-50208-3.
âą Vierzig Leben. Ammann, ZĂŒrich 2004, ISBN 3-250-60068-7, Neuauflage Rowohlt, Hamburg 2018, ISBN 978-3-499-27313-1.
âą Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte (zugleich Habilitationsschrift 2006). C.H. Beck, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-406-53524-0.
âą Du sollst. Ammann, ZĂŒrich 2005, ISBN 3-250-60079-2.
⹠Strategie der Eskalation. Der Nahe Osten und die Politik des Westens. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-966-X.
âą Ayda, BĂ€r und Hase. Picus, Wien 2006, ISBN 3-85452-886-8.
âą Kurzmitteilung. Ammann, ZĂŒrich 2007, ISBN 978-3-250-60104-3.
âą Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime. C.H. Beck, MĂŒnchen 2009, ISBN 978-3-406-57759-8.
âą Dein Name. Hanser, MĂŒnchen 2011, ISBN 978-3-446-23743-8.
âą Ăber den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe. Hanser, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-446-23993-7.
âą VergeĂt Deutschland! Eine patriotische Rede zur Eröffnung der Hamburger Lessingtage 2012. Ullstein, Berlin 2012, ISBN 978-3-550-08021-0.cite-ref-154[154]
⹠Das Buch der von Neil Young Getöteten (= suhrkamp taschenbuch Band 4461). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-518-46461-8; 10. Auflage, 2023.
âą Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt. C.H. Beck, MĂŒnchen 2013, ISBN 978-3-406-64664-5; 8. Auflage, 2016.
âą GroĂe Liebe. Hanser, MĂŒnchen 2014, ISBN 978-3-446-24474-0.
âą Album: Das Buch der von Neil Young Getöteten. Vierzig Leben. Du sollst. Kurzmitteilung. Hanser, MĂŒnchen 2014, ISBN 978-3-446-24535-8.
âą Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen. C.H. Beck, MĂŒnchen 2014, ISBN 978-3-406-66662-9.
âą Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem FlĂŒchtlingstreck durch Europa. Photographien von Moses Saman. C.H. Beck, MĂŒnchen 2016, ISBN 978-3-406-69208-6.
âą Sozusagen Paris. Hanser, MĂŒnchen 2016, ISBN 978-3-446-25276-9.
âą Entlang den GrĂ€ben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan. C.H. Beck, MĂŒnchen 2018, ISBN 978-3-406-71402-3. Ăbersetzt ins Slowenische von Tanja PetriÄ. Ob jarkih - potovanje Äez Vzhodno Evropo do Isfahana
âą Morgen ist da: Reden, C.H. Beck, MĂŒnchen 2019, ISBN 978-3-406-73942-2.
âą Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt nĂ€her kommen. Fragen nach Gott. Hanser, MĂŒnchen 2022, ISBN 978-3-446-27144-9.cite-ref-157[157]
âą Was jetzt möglich ist. 33 politische Situationen. C.H. Beck, MĂŒnchen 2022, ISBN 978-3-406-79023-2.
âą Das Alphabet bis S. Roman. Hanser, MĂŒnchen 2023, ISBN 978-3-446-27745-8. Rezension von Shirin Sojitrawalla:cite-ref-158[158]; Rezension von Diedrich Diederichsen:cite-ref-159[159]
âą In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika. C.H. Beck, MĂŒnchen. 2024, ISBN 978-3-406-81969-8. Rezension von Wolfram SchĂŒtte:cite-ref-160[160]
⹠mit Mehrdad Zaeri (Illustrationen): Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest. Hanser, Berlin 2025, ISBN 978-3-446-28260-5.
âą Wenn sich unsere Herzen gleich öffnen. Ăber Politik und Liebe. C.H. Beck, MĂŒnchen 2025, ISBN 978-3-406-83887-3.
Korrespondenzen
âą mit Natan Sznaider: Israel. Eine Korrespondenz. Hanser, MĂŒnchen 2023, ISBN 978-3-446-28070-0. Rezension von Thomas Ribi:cite-ref-161[161]
Artikel und AufsÀtze (Auswahl)
âą Merkur Heft 904, September 2024: "ĂBERLEGEN, WAS HILFT". GesprĂ€ch ĂŒber die Lage nach dem 7. Oktober, von Navid Kermani und Natan Sznaider
âą Vom Murmeln koranischer Suren in protestantischen Gymnasien. Aus Katharina Mommsens wegweisender Studie ĂŒber das VerhĂ€ltnis Goethes zum Islam sind jetzt zentrale Kapitel neu herausgegeben. In: Frankfurter Rundschau. 6. Oktober 2001.
âą Sprich leise und mach die Poesie zu deiner Waffe. Wie Osama bin Laden den Propagandakrieg fĂŒhrt â und zu gewinnen droht. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 11. Oktober 2001.
âą MoorhĂŒhner und Moneten. KriegsfĂŒhrung in Afghanistan â und was man daraus nicht lernt. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 23. November 2001.
âą Der Duft des Aufbruchs liegt in der Luft. Die israelische Friedensbewegung teilt sich, um zu siegen. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 12. Februar 2002.
âą Der Sinn, den nur die Sinne erfassen. Zur Ăbersetzbarkeit des Korans. In: NZZ. 10. August 2002.
âą Der Sheriff und sein Hinterhof | Amerika geht es im Irak nur um die Expansion seiner Macht (Memento vom 21. September 2007 im Internet Archive) In: SĂŒddeutsche Zeitung. 5. September 2002.
âą Eine Schrift zwischen zwei Buchdeckeln. PlĂ€doyer fĂŒr ein Ende des Surenpingpong: Der Koran ist â wie die Bibel â nur in der Gesamtheit seiner Aussagen zu begreifen. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 4. Februar 2003.
âą Die Alternative. Wer den Krieg ablehnt, muss dem Irak eine Perspektive zeigen. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 27. Februar 2003.
âą Von Europa lernen. Demokratie im Irak: Die Frage ist nicht âobâ â sondern âwieâ. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 16. April 2003.
âą Moderne und Islam. In: 25 Jahre Wissenschaftskolleg zu Berlin. 1981â2006. herausgegeben von Dieter Grimm. Akademie-Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-05-008377-8, S. 229â242.
âą Die Möglichkeit des Romans â Laudatio auf Martin Mosebach zur Verleihung des Georg-BĂŒchner-Preises 2007. In: Perlentaucher.de, Abdruck als: Kampf gegen WindmĂŒhlen. Mosebach und der Roman. In: Navid Kermani: Zwischen Koran und Kafka. 2. Auflage. C.H. Beck, MĂŒnchen 2015, S. 316â325.
âą Dreimal Beten â Zuerst: der Muslim. In: Vatican Magazin. Heft 1/2009. (PDF-Datei; 136 kB)
âą Dankesrede zur Verleihung des Hannah Arendt-Preises fĂŒr politisches Denken 2011 (PDF; 233 kB), Bremer Rathaus, 2. Dezember 2011.
âą Reisebericht aus dem Irak: Im Herzen der Schia. In: Der Spiegel. Nr. 39, 2014, S. 112â117 (online â 22. September 2014). , Die Zukunft ist vorbei. In: Der Spiegel. Nr. 40, 2014, S. 132â136 (online â 29. September 2014). , Warum? In: Der Spiegel. Nr. 41, 2014, S. 144â149 (online â 6. Oktober 2014).
âą Jacques Mourad und die Liebe in Syrien. Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Video ZDF; Text, Frankfurter Allgemeine Zeitung. 19. Oktober 2015.
HörbĂŒcher
âą Was jetzt wichtig ist. Dankesrede Dönhoff Preis, Dankesrede Staatspreis Nordrhein-Westfalen, Trauerrede fĂŒr Rupert Neudeck, Rede zum 20. Jahrestag des Lehrstuhls fĂŒr jĂŒdische Geschichte und Kultur (UngekĂŒrzte Autorenlesung). Argon, Berlin 2020, ISBN 978-3-8398-7124-9.
âą Jens Harzer liest Navid Kermani: In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika. Aargon, Berlin 2024, ISBN 978-3-7324-7601-5.
Literatur
âą Navid Kermani, Martin Schulz, Ansgar Schnurr: Dritte, vierte, fĂŒnfte, sechste, siebte RĂ€ume. Navid Kermani und Martin Schulz im GesprĂ€ch ĂŒber Bildbeschreibungen im Roman âDein Nameâ. In: Barbara Lutz-Sterzenbach, Ansgar Schnurr und Ernst Wagner (Hrsg.): Bildwelten remixed. Transkultur, GlobalitĂ€t, Diversity in kunstpĂ€dagogischen Feldern. transcript Verlag, Bielefeld 2013, S. 247â264.
âą Christoph Gellner: âLiteratur, die in den Himmel schaut.â Der Schriftsteller Navid Kermani. In: Stimmen der Zeit. 232 (139), 1, 2014, S. 43â52.
âą Ruth Bender: âZugehörigkeit hat auch etwas Heiklesâ / Schriftsteller Navid Kermani ĂŒber Europa und das Deutschsein. In: Neue Presse vom 8. Februar 2018, S. 22.
âą Jörg Döring: Der viel gelesene Redner. Navid Kermani und die Deutschen. In: Steffen Martus, Carlos Spoerhase (Hrsg.): Gelesene Literatur. PopulĂ€re LektĂŒre im Medienwandel. Edition text + kritik, MĂŒnchen 2018, ISBN 978-3-86916-763-3, S. 241â251.
âą Torsten Hoffmann (Hrsg.): Navid Kermani. text + kritik 217 (2018), ISBN 978-3-86916-668-1, 95 S.
âą Michael Hofmann, Klaus von Stosch, Swen Schulte Eickholt: Navid Kermani. Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2019, ISBN 978-3-8260-6614-6.
⹠Steffen Köhler: Navid Kermani. Politische Romantik als Staatstheologie. J.H. Röll Verlag, Dettelbach 2019.
âą Stephan Habscheid, JĂŒrgen Nielsen-Sikora (Hrsg.): Das generische Maskulinum. Eine Diskussion anlĂ€sslich der Verleihung der EhrendoktorwĂŒrde an Navid Kermani. universi Siegen, Siegen 2024, ISBN 978-3-96182-181-5.
Weblinks
Commons
: Navid Kermani
â Sammlung von Bildern
âą Literatur von und ĂŒber Navid Kermani im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
âą Offizielle Website von Navid Kermani
âą Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Navid Kermani bei Perlentaucher
âą Navid Kermani bei IMDb
⹠Biographie (bis 2015) bei Friedenspreis des Deutschen Buchhandels des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels
âą Dokumentation der Debatte um Navid Kermani und den Hessischen Kulturpreis
âą Tobias Haberl: Der gute Mensch von Isfahan. SĂŒddeutsche Zeitung Magazin Literatur Heft 7/2018 vom 16. Februar 2018
âą Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Oktober 2024 Laudatio zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises 2024 an Navid Kermani von Wolfgang Matz: Der Stil des Navid Kermani. Der harte Schnitt des ganz Unerwarteten
âą Rheinische Post Kultur vom 29. August 2025: Navid Kermani ĂŒber die Krisen unserer Zeit. âAmerika schaut auf Europa wie auf Afrikaâ, von Lothar Schröder
Reden
âą Dankrede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises 2024: Es kann noch schrecklich viel passieren. Wie ich 1978, ein Jahr vor der Islamischen Revolution, Ajatollah Chomeini in Paris begegnete
⹠Navid Kermanis Rede beim "Demokratiekonzert" zur Eröffnung der Saison im Leipziger Gewandhaus 2024: Orchesterkonzerte. Ein Kontinent, auf dem man sich ohne PÀsse bewegt
Audios
âą Deutschlandfunk (DLF) Kulturfragen vom 21. September 2014: âIn Bagdad lachen sie nicht mehrâ, Navid Kermani im GesprĂ€ch mit Kersten Knipp
âą DLF (Deutschlandfunk) Kulturfragen vom 31. Januar 2016: Navid Kermani. Auf dem FlĂŒchtlingstreck durch Europa, Navid Kermani im GesprĂ€ch mit Holger Heimann
⹠WDR 3 (Westdeutscher Rundfunk) TischgesprÀch vom 27. November 2019
âą Deutschlandfunk Essay und Diskurs vom 12. April 2020: Ins Licht geschrieben (2/3): Erweckung der Toten â Peter Altenberg und mein BĂŒcherregal
âą WDR 3 (Westdeutscher Rundfunk) Mosaik SamstagsgesprĂ€ch vom 22. Januar 2022: Navid Kermani ĂŒber sein VerhĂ€ltnis zu Gott
âą VollstĂ€ndige Mitschnitt eines GesprĂ€chs zwischen Navid Kermani und dem Regisseur Roberto Ciulli anlĂ€Ălich der BuchprĂ€sentation von »Der fremde Blick â Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr« am 7. November 2021 in der Berliner Akademie der KĂŒnste am Hanseatenweg auf youtube.de
âą Deutschlandfunk Kultur Im GesprĂ€ch vom 15. April 2022: Schriftsteller Navid Kermani im GesprĂ€ch mit Susanne FĂŒhrer
âą Deutschlandfunk Kulturfragen. Debatten und Dokumente vom 4. Februar 2024: Warum ist dieser Krieg vergessen? Der Schriftsteller Navid Kermani ĂŒber den SĂŒdsudan im GesprĂ€ch mit Anja Reinhardt
âą Deutschlandfunk Hintergrund vom 30. Dezember 2007 - Archiv: Das Deutsche und das Fremde, von Navid Kermani
âą Juli Zeh spricht mit Navid Kermani ĂŒber sein Buch âDas Alphabet bis Sâ. The Pioneer Literatur-Podcast Edle Federn vom 30. Juni 2024, 63âČ22âł
âą Deutschlandfunk Klassik-Pop-et cetera vom 21. Dezember 2024: Am Mikrofon: Der Schriftsteller Navid Kermani âHoffnung liegt allein in der Musikâ
Einzelnachweise
cite-note-11. â SĂŒddeutsche Zeitung Magazin Gesellschaft vom 17. Februar 2018: Wenn er den Mund aufmacht, hört Deutschland zu, abgerufen am 7. Februar 2024
cite-note-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-de-22. â Friedenspreis. In: friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de. Abgerufen am 28. Januar 2018.
cite-note-33. â Zeit online vom 15. Dezember 2017: Trauerrede. Abschied von unserem Vater, von Navid Kermani, abgerufen am 14. Februar 2024
cite-note-44. â Navid Kermani im Munzinger-Archiv, abgerufen am 4. November 2021 (Artikelanfang frei abrufbar)
cite-note-55. â BĂŒcher Befördern Gedanken in durchblick 04/2015, S. 52, abgerufen am 15. Januar 2017 (PDF)
cite-note-66. â Joachim Frank: Kölner Autor und Islamwissenschaftlerin: Kermani und Amirpur geschieden. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 8. August 2021, abgerufen am 14. Januar 2023.
cite-note-77. â Montags-Interview: âIch dachte: Jetzt erst rechtâ, die tageszeitung, 4. MĂ€rz 2012, abgerufen am 15. August 2012.
cite-note-88. â Kölner Stadt-Anzeiger Köln vom 24. August 2025: 100 Ideen fĂŒr Köln.Navid Kermani wĂŒnscht sich das âTheater der Weltâ-Festival nach Köln, abgerufen am 25. August 2025
cite-note-99. â Zeit online vom 15. Juli 2010: Nasr Hamid Abu Zaid. Der Feind der Eiferer, von Navid Kermani, abgerufen am 8. Februar 2024
cite-note-1010. â Navid Kermani: Gott ist schön. Das Ă€sthetische Erleben des Koran. Beck, MĂŒnchen 1999, ISBN 3-406-44954-9. (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-1111. â FĂŒr eine islamisch-jĂŒdische Akademie in Berlin
cite-note-1212. â Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Friedenspreis 2015Navid Kermani, abgerufen am 4. Februar 2024
cite-note-1313. â Die Welt Kultur Literatur vom 8. MĂ€rz 2017: BĂŒrgerpreistrĂ€ger 2017: Navid Kermani, der wahre Patriot unserer Demokratie, abgerufen am 10. Februar 2024
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